Geschirr1

Geschirr anziehen

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Ein Beispiel meiner Arbeitsweise: das Anziehen eines Geschirrs

Ihr Hund möchte sein Geschirr nicht angezogen bekommen. Sobald Sie es in die Hand nehmen, ist der Hund weg. Was tun?

Teil A: Kurz und knapp:

Geschirr2Zwingen Sie Ihren Hund zum Anziehen des Geschirrs, wird er

  1. vielleicht kapitulieren, was das Vertrauen zu Ihnen belastet
  2. sich möglicherweise verteidigen

Zudem werden mögliche Ursachen des Verhaltens übergangen. Diese sind zu analysieren!

Verbinden Sie das Geschirr mit etwas Gutem, so zieht der Hund es bald gerne an. Sie sorgen für ein effektives Training, das den Hund geistig auslastet und sorgen dafür, dass der Hund gerne mit Ihnen kooperiert.

Teil B: für Wissbegierige zum Weiterlesen:

Wege, von denen ich mich deutlich abgrenzen möchte

Man mag Ihnen vielleicht sagen, der Hund müsse nur lernen, dass ihm nichts passiert, wenn er das Geschirr angezogen bekommt. Man rät Ihnen etwa: „Der Hund macht nur deshalb so ein Theater, weil Sie ihn darin bestätigen“. Sie
sollen dem Hund also ohne Rücksicht auf seine Körpersprache das Geschirr einfach anziehen. Falls der Hund zu fliehen versucht, sollen Sie ihn festhalten oder Sie sollen ihn in die Ecke treiben.

Dieses Vorgehen hat folgende Nachteile:

  1. Geschirr3Es wird nicht überprüft, warum der Hund das Geschirr meidet. Es gibt aber sicherlich Ursachen.
  2. Sobald der Hund Angst hat (was an seinem Fluchtversuch erkennbar ist), passiert ihm auch etwas. Hatten Sie schon einmal wirklich Angst vor etwas? Würden Sie sagen, dass man dieses Gefühl als „Nichts“ bezeichnen kann?
  3. Die einzige Erleichterung empfindet der Hund, indem er flieht und so weg von dem „gruseligen“ Geschirr kommt. Wenn Sie ihn dann mit dem Geschirr in die Ecke treiben, heißt das für den Hund auf Dauer nur, dass Flucht
    offensichtlich nicht erfolgreich ist. Der Hund muss also nach einer Alternative suchen. Zwei Möglichkeiten nenne ich Ihnen:

    a) Der Hund ergibt sich seinem Schicksal. Er wird sich das Geschirr nie freudig anziehen lassen, aber er wehrt sich nicht mehr. Dabei leidet leider auch sein Vertrauen zu Ihnen. Sie führen Ihn in Situationen, die für ihn ausweglos sind. Er lernt nicht, wie er mit der Situation umgehen kann, sondern nur, dass er hilflos ausgeliefert ist. Gehen Sie entsprechend auch in anderen Trainingsbereichen vor, nehmen Sie dem Hund die Fähigkeit, selbst auf Lösungenzu kommen und kreativ zu werden, um Ihnen zu gefallen.

    b) Der Hund lernt, dass er sich wehren muss, da Flucht nicht hilft. Sie öffnen also Aggressionsverhalten Tür und Tor. Ignorieren Sie auch sein Knurren, wird er bald noch deutlicher werden müssen. Reagieren Sie auf das Knurren, lernt der Hund, dass Drohverhalten erfolgreicher ist als Flucht.

Das heißt also, egal was Sie tun, es bringt nur Schaden? Nein! Es gibt eine Alternative:

Die Ursache des Verhaltens herausfinden

Geschirr4Meidet der Hund wirklich das Geschirr oder ist es die Art, wie Sie sich annähern (frontal, über ihn gebeugt etc.)?
Ist Ihre Annäherung kein Problem, aber es ist dem Hund unheimlich, etwas über den Kopf gezogen zu bekommen?

Hat der Hund Geräuschangst und erschreckt sich beim Schließen des Geschirrs?

Hat der Hund körperliche Schmerzen, die dafür sorgen, dass ihm das Geschirr weh tut?

Will der Hund nicht spazieren gehen, da er die Erfahrung gemacht hat, unterwegs von anderen Hunden gemobbt zu werden?

Ist der Hund von vornherein so gestresst, dass seine Hautoberfläche (aufgrund der hohen Konzentration des Stresshormons Cortisol) gereizt ist?

Es gibt viele mögliche Ursachen, und es ist die Aufgabe des Trainers, diese mit Ihnen herauszufinden.

Das Geschirr bringt etwas Gutes

Geschirr5Sind körperliche Ursachen, Stressfaktoren, ihre Körpersprache oder die Angst vor dem Spaziergang die Ursache, so werden diese mit dem professionellen Trainer bearbeitet. Wurden diese Gründe ausgeschlossen, wird das Geschirr positiv verknüpft. So lernt der Hund, dass ihm das Geschirr nur Gutes bringt.

Zunächst wird der Blick des Hundes zum Geschirr (am besten mit dem Marker, den ich Ihnen gerne persönlich erläutere) eingefangen und belohnt. Was ist die Belohnung? Da das Geschirr unheimlich ist, ist die größte Belohnung, dass das Geschirr wieder weiter von dem Hund wegkommt. Als emotionales i-Tüpfelchen kann der Hund auch Futter erhalten.

Bitte locken Sie den Hund nicht mit Futter zum Geschirr! Das bringt ihn in einen Konflikt zwischen Nahrungsaufnahme und Selbstschutz. Möchten Sie
dem Druck ausgesetzt werden, dass Sie nur Essen erhalten, wenn Sie sich etwas sehr Bedrohlichem annähern? Das stresst den Hund und ist nicht notwendig. Futter kann auch vom Geschirr weggeworfen werden, damit der Hund lernt, dass er gehen darf.

Nach und nach – in kleinen(!) Schritten – wird erst zu einem späteren Zeitpunkt gemarkert (s.o.) und belohnt (Belohnung weiterhin wie oben
beschrieben). Die Einzelschritte: der Hund verlagert den Körperschwerpunkt in Richtung des Geschirrs; der Hund geht auf das Geschirr zu; der Hund berührt das Geschirr; der Hund schlüpft durch das Geschirr usw. Zu keinem Zeitpunkt sollte der Hund wieder beginnen, das Geschirr zu meiden, sonst haben Sie zu schnell gesteigert.
Zeigt der Hund körpersprachlich, dass das Geschirr nicht mehr unheimlich ist, kann das Futter auch bei dem Geschirr gegeben werden. Dann bringen Sie den Hund nicht mehr in einen Konflikt und das Geschirr wird als Ort der Belohnung positiv belegt. Das ist auch der Zeitpunkt, zu welchem Sie das Anziehen des Geschirrs mit einem Wortsignal verbinden können. Dieses sprechen Sie dann immer aus, bevor Sie das Geschirr nehmen.

Das Schließen des Geschirrs sollte getrennt geübt werden, damit der Hund lernt, davor nicht zu erschrecken. Bitte arbeiten Sie dabei auch mit einer verbalen Ankündigung. Das Knackgeräusch des Geschirrs wird wieder mit etwas Gutem verknüpft.

Die Übungseinheiten sind dabei immer nur kurz. Der Hund bekommt anschließend Zeit, um sich zu erholen und zu entspannen. Es wird nach Tagesform Ihres Hundes und nicht linear gesteigert.

Klingt kompliziert?

Die Theorie klingt kompliziert, in der Praxis unter Anleitung eines fachkundigen Trainers ist es schnell geschafft. Was sind die Vorteile?

  1. Steigern Sie kleinschrittig, ohne den Hund zu überfordern, haben Sie sehr schnell Erfolg. Auch mit kleinen Schritten, kann man schnell sein.
  2. Sie vermeiden die oben genannten Nachteile.
  3. Der Hund lernt, aktiv mitzudenken und Lösungen zu finden, die Ihnen gefallen.
  4. Sie lernen Ihren Hund kennen. Was zeigt er körpersprachlich? Wann ist der richtige Zeitpunkt zu belohnen?
  5. Mit weiteren Trainingswerkzeugen wie tertiären Verstärkern geht es noch schneller und macht noch mehr Spaß – einfach bei mir nachfragen.
  6. Der Hund wird geistig beschäftigt und somit ausgelastet.
  7. Der Hund lernt, mit Frust umzugehen.

Videos

In den Videos sehen Sie eine mögliche Vorgehensweise. Der Rüde meidet das Geschirr nur in geringem Maß. Daher ist eine schnelle Steigerung möglich gewesen.
Jeder Hund ist ein Individuum, achten Sie also darauf, die Steigerungen Ihrem Hund und dessen Fähigkeiten anzupassen.
Flieht ihr Hund beim Anblick des Geschirrs, üben Sie dies unter Anleitung eines fachkundigen Trainers!