Luftkuss

Streicheln- Segen oder Fluch?

Was müssen wir Trainer wirklich gut können? 1. Hunde lieben, 2. Menschen im besten Fall auch gerne mögen und 3. die Körpersprache von Hunden interpretieren können. Naja, etwas mehr ist es schon, aber im 3. Punkt werden wir in einem fundierten Studium wirklich bis ins Genauste geschult. Und dann sollen wir uns selbst im Umgang mit unseren Hunden und im Umgang mit anderen Hunden filmen. Dies verhindert, dass wir sogenannte „blinde Flecken“ haben, also Dinge tun, die uns nicht bewusst sind. Und was soll ich sagen, nicht selten ist dieser „blinde Fleck“, dass wir unseren Hund beschmusen oder mit Streicheleinheiten belohnen möchten, die der Hund, gelinde gesagt, bescheiden findet. Je besser wir die Körpersprache des Hundes lesen können, desto öfter sehen wir dann bei uns, bei anderen Hundefans und auch oft bei Kindern, dass das so lieb gemeinte Streicheln eher eine Strafe und nicht im geringsten Sinne eine Belohnung ist.

Das ist selbstverständlich nicht zu pauschalisieren, mit ein paar kleinen Tricks können wir aber dafür sorgen, dass unsere Berührungen für den Hund wirklich eine Belohnung sind bzw. darauf Rücksicht nehmen, was der Hund uns als Bedürfnis zeigt.

Kleine Zeichen in der Körpersprache

Strecken wir dem Hund die Hand hin, so zeigt er oft, ob er gestreichelt werden mag. Manche Hunde werfen sich förmlich in die Hand. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Wir können den Hund an der Stelle streicheln, die er in die Hand geworfen hat. Um es ganz ideal zu machen, pausieren wir nach kurzer Zeit und warten mal ab, ob der Hund zum weiteren Streicheln auffordert oder sich eher entfernt. Entfernt er sich, sollten wir das respektieren. Streicheln, streicheln, pausieren- das ist schon Trick Nr. 1.

Wichtig ist, die Stelle zu kraulen, die wir vom Hund entgegengeworfen bekommen. Das ist dabei wirklich entscheidend. Bekommen wir die Seite, heißt dies nicht, dass der Hund von oben über den Kopf gestreichelt werden möchte. Im Gegenteil, an dieser Stelle haben Hunde einen „blinden Fleck“, was in diesem Fall bedeutet, dass sie nicht sehen, was unsere Hand da macht. Von oben nach dem Hund zu greifen, ist für die meisten Hunde bedrohlich. Die gut sozialisierten Hunde erdulden dies häufig höflich, genießen diese Berührungen aber in den meisten Fällen nicht oder zumindest weit weniger, als das Streicheln an ihrer Seite. Trick Nr. 2 ist also, nicht einfach von oben nach dem Hund zu greifen.

Woran erkennen wir nun, dass der Hund nicht gestreichelt werden möchte? Der Hund könnte, wenn man ihm die Hand anbietet, ausweichen. Oder aber, er zeigt es noch viel dezenter, indem er nur den Kopf wegdreht. Er könnte auch bleiben, den Blick aber starr in eine andere Richtung als die Schnauze richten. Man sieht dann einen weißen Halbmond neben den Augen, die die Hand anstarren. Wenn wir nun streicheln, belohnen wir unseren Hund nicht. Es klingt so einfach, ich weiß. Doch sehen wir häufig Menschen, die dem Hund die Hand hinstrecken, dessen Reaktion aber nicht abwarten, sondern sofort streicheln. Genau dieses Abwarten sollten wir alle und vor allem auch unsere Kinder lernen, um Unfälle mit Hunden zu vermeiden.

Hilfe, wenn der Hund die Hand meidet

Nun liest man überall, dass Kuscheln und die damit verbundene Ausschüttung von Oxytocin die Wunderwaffe schlechthin sind. Das Kuschelhormon Oxytocin hilft beim Entspannen, beim Speichern von zuvor Gelerntem und ist das A und O für eine harmonische Beziehung (nicht nur zum Hund, sondern auch zwischenmenschlich). Und ganz unabhängig davon sind wir Menschen vereinfacht gesagt Primaten, die einfach gerne mit ihren Händen ihre Liebe zeigen wollen und auch können sollten.

Zunächst sollten wir die Ursachen herausfinden:

Lässt ein Hund sich in jeder Situation ungern anfassen oder fängt dies ganz plötzlich an, so könnten Schmerzen die Ursache sein, was ein guter Physiotherapeut überprüfen kann.

Ein Trauma mit Händen kann ebenfalls ursächlich sein. Dann reagiert der Hund von Anfang an auch auf Bewegungen in seine Richtung mit schnellem Ausweichen.

Junghunde haben einen höheren Stresshormonspiegel und lassen sich daher wegen einer empfindlicheren Hautoberfläche oft ungern anfassen.

Manchmal ist auch die Körperhaltung des Menschen erschreckend für den Hund. Probiert dann mal, euch seitlich zum Hund zu positionieren und nicht von oben, sondern von der Seite zu streicheln.

Menschen, die Angst haben, halten oft die Atmung an, wenn der Hund nah kommt. Das ist für manche Hunde erschreckend. Das wird bei Hundefans nicht der Fall sein. Der Tipp, weiter zu atmen und sich eventuell ruhig zu unterhalten, um konstant zu atmen, ist trotzdem oft Gold wert. Möchten wir etwas richtig gut machen, halten wir oft auch den Atem an.

Ist Streicheln gerade einfach nicht das Thema? Ab einer gewissen Erregungslage mögen Hunde oft nicht angefasst werden. In einer ruhigen Umgebung kann ein Hund Kuscheln um Welten mehr genießen, als draußen bei Aufregung.


Kraulen mit einer Hand ist vielleicht sehr willkommen. Damit ist aber nicht gesagt, dass ein Streicheln mit zwei Händen auch zum Wohlbefinden beiträgt. Besonders für Kinder gilt: eine Hand reicht zum Streicheln. Beim Einsatz von zwei Händen neigen Kinder zum Festhalten oder Umarmen, was dann für den Hund als Zwang empfunden werden kann und vielen Hunden überhaupt nicht gefällt.

Festgehalten, um bekuschelt zu werden, mag keiner- das können wir Menschen gut verstehen. Eine Umarmung empfindet der Hund ähnlich. Er wird festgehalten und kann nicht frei kommunizieren. Die Konsequenz eines sich verteidigenden Hundes kann besonders für Kinder gefährlich werden. Wie sieht es mit Küssen aus? Schon Kinder können lernen, den Kuss auf ihre Hand zu geben und dem Hund anschließend zuzupusten.

Einladungen und trainiertes Anfassen:

Der Hund kann ein Wortsignal lernen, welches ihm das anschließende Anfassen ankündigt. Auf dem Sofa im Entspannungsmodus kann dies gefestigt werden. Das Hundehirn hat so zukünftig Zeit, sich auf die folgende Berührung einzustellen.

Isometrische Übungen sind ein weiterer Trick. Der Hund lernt, sich auf Signal in die Hand zu lehnen. Ich habe euch dazu 2 Videos bereitgestellt. Ihr seht zunächst den ersten Aufbau mit einem sehr aufgeregten, aber obersympathischen Schatz draußen. Ankündigung, Annäherung der Hand, Marker, Belohnung, Hand wegnehmen. Bei einem Hund, der Berührungen nicht mag, würde die Hand nicht sofort an den Hund gehen, sondern in einem Vorschritt, die Hand in einiger Entfernung vom Hund verbleiben. Über einen Hund zu greifen, muss bei manchen Hunden ebenfalls extra trainiert werden. Der Rest bliebe gleich. Ihr seht, dass ich mich im Video immer wieder seitlich ausrichte und meinen Leckerchenbeutel passend positioniere. Zudem erkennt man, dass der Hund die Kamera etwas unheimlich findet und in die Richtung beschwichtigt. Ich steigere dann die Anforderungen, indem der Marker erst kommt, wenn sich der Rüde in meine Hand drückt. Von dem sehr hampeligen Anfang kehrt immer mehr Ruhe ein. Achtet bitte darauf, beide Seiten des Hundes zu trainieren, damit er muskulär auf jeder Seite angesprochen wird.

Im zweiten Video sehr ihr die Anwendung nach einem Zerrspiel. Meine kleine Maus ist sehr aufgeregt und ihr könnt beobachten, wie sich im Verlauf durch die isometrischen Übungen zuerst ihre Rute absenkt und sie bald ihren Blick von der Beute abwenden kann. Bald legt sie auch die Hüfte seitlich und entspannt zusehends. Hätte ich versucht, sie in dieser Situation zu streicheln, wäre sie ausgewichen.

Bei isometrischen Übungen kann der Hund den Druck der Berührung selbst erhöhen und uns klar kommunizieren, wie viel Berührung er gerade braucht. Isometrische Übungen sind auch für die Muskulatur gut und können in aufregenden Situationen eingesetzt werden oder bei Junghunden, die sich in der Situation sonst nicht streicheln lassen würden. Zuletzt profitieren auch Hunde mit schlechten Assoziationen zu der menschlichen Hand davon. Sie können an Schulter und Hüfte aufgebaut werden und in Begleitung eines Trainers auch an der Brust oder unter der Schnauze für entspanntere Tierarztbesuche.

Fazit und Abschlussaufgabe:

Macht ihr euch auf die faszinierende Reise, euren Hund noch besser kennenzulernen, wird eure Beziehung enorm davon profitieren. Die Ergebnisse eurer Reise könnt ihr auf einen aufgemalten Hundeumriss malen. Da, wo euer Hund Berührungen am meisten mag, malt ihr auf den Papierhund eine grüne Fläche. Bei den unbeliebten Stellen eine rote Fläche. Ist die Stelle nur leicht unangenehm, könnt ihr nach ihrer kurzen Berührung sofort eine der grünen Stellen kraulen. Im Idealfall wird der Hund umlernen und die rote Stelle wird eine grüne. Ich wünsche euch ganz viel Spaß auf dieser Reise und empfehle euch, euer Wissen weiterzugeben - ganz besonders an Kinder!